Gestern sollte Paola aus Belém wieder anreisen für weitere sechs Tage Feldarbeit. Allerdings kam nicht nur Paola sondern auch Raphaela, denn die Fluggesellschaft stellt die Flüge nach Alta Floresta diesen Monat ein. Folglich hat Raphaela nun ihre letzte Chance ergriffen, um diesen Monat noch hier arbeiten zu können. Was die beiden in Zukunft unternehmen werden, um hier her zu kommen, steht in den Sternen.
Nun also gibt es drei Primatologinnen und einen Guide. Es hat den kompletten gestrigen Tag gedauert, um einen weiteren Guide aufzutreiben, Eseciel ist sein Name. Er arbeitet auf Ariostos Insel im Teles Pires für Vitoria.
Des Weiteren scheint das GPS-Gerät von Raphaela nicht so funktionieren zu wollen wie es sollte. Der Tag heute wird also spannend.
Ich gehe mit Paola und Leandro los zum Bamboo Trail, Raphaela und Eseciel gehen Richtung alter Turm. Keine zehn Minuten später finden wir die Saki-Affen und geben per Funk die Information an die andere Gruppe weiter. Die beiden sind zwischenzeitlich auf eine Gruppe Spinnen-Affen gestoßen, verkehrte Welt also!
Wir treffen uns bei den Saki-Affen auf dem Bamboo-Trail und Rapha erzählt uns, dass sie sehr nervös ist, da ihr GPS nicht zuverlässig ist und ihr Guide vielleicht auch nicht. Also tauschen ich und mein GPS die Gruppe, ohne dabei an mein Mittagessen zu denken, welches sich in Leandros Rucksack befindet.
Los geht es also hinein in den Wald, den lärmenden Cuxius hinterher. Wir beginnen mit der Datenaufnahme und die Aufgabe unseres Guides ist eigentlich, die Affengruppe im Auge zu behalten und sie nicht zu verlieren, wenn sie weiter zieht. Pustekuchen! Ohne Leandro dauert das Markieren der Futterpflanzen doppelt so lange und die Affen sind längst auf und davon.
Wir suchen erfolglos. Also versuchen wir stehen zu bleiben und zu lauschen. Eine viertel Stunde später geben wir auf, sie sind offensichtlich außer Hörweite.
Also frage ich Eseciel, da wir sowieso momentan keine Affen zu verfolgen haben, ob er mir ein Stück Liane abhacken kann, genauso wie Alfredo es mir erklärt hat. Ich drehe das Stück herum und zuerst geschieht nichts. Doch dann höre ich ein zischendes, gurgelndes Geräusch und auf einmal tropft Wasser aus dem Anschnitt der Liane heraus. Es schmeckt etwas bitter, ich habe also nicht die „Gourmet-Liane“ erwischt! (Leßt Artikel: Die Waldapotheke vom 28.12.)
Nun soll es also zurück gehen zum Trail, um weiter zu suchen. Auf einmal bleibt Eseciel stehen, läuft hier hin und dort hin, schüttelt den Kopf, und ich muss gar nicht fragen, was passiert ist. Wir sind mitten im Wald, und er hat die Orientierung verloren. Wie sehr ich doch mein GPS liebe!
Also gehe ich ohne Frage kurzerhand voran und übernehme die Führung. So kann ich unseren Weg, den wir im Wald genommen haben, auch wieder finden, denn auch wenn es für das ungeübte Auge so scheint, hier im Wald sieht nicht alles gleich aus. Manche Bäume sind eigenartig geformt oder außergewöhnlich groß, manchmal findet man kleine Vegetationsflecken, welche sich völlig vom Rest der Umgebung unterscheiden, wir allerdings finden unseren Wildschwein-Pfad wieder. Ich will nicht daran denken, ob es sonderlich vernünftig ist, auf deren Pfaden zu wandeln und als ich frische Spuren entdecke, denke ich, wenn sie erst da waren, werden sie ja wohl kaum so bald wieder kommen. Trotzdem stelle ich fest, dass ich stetig nach geeigneten Kletterbäumen Ausschau halte!
Letztendlich finde ich allerdings den Bamboo Trail wieder, obwohl der Guide weit voraus läuft und ihn eigentlich zuerst hätte sehen müssen. Wir gehen den Rest des Bamboo-Trails, jedoch ohne auf weitere Affen zu stoßen. Da unsere Batterien knapp berechnet sind und ich kein Mittagessen habe, geht es zurück zur Lodge für einen kleinen Zwischenstopp und dann weiter zum alten Turm, von welchem aus Leandro und Paola die Sakiaffen gesehen haben. Wieder geht es hinein in den Wald, abseits der Pfade, allerdings habe ich dieses Mal mein GPS im Auge, und ich übernehme das Markieren der Pfade zusammen mit Raphaela.
Wir haben Glück und stoßen erneut auf eine große Gruppe Cuxius. Weiter geht es also mit der Datenaufnahme. Allerdings dauert es keine halbe Stunde und wir haben die Affen wieder verloren. Ich glaube der Guide führt uns sogar von der Gruppe weg, denn oft genug machen diese Ruhepausen und geben in diesen keinen Laut von sich. Es ist also wahrscheinlicher wieder auf die Gruppe zu treffen, wenn wir einfach still sitzen und auf eine Vokalisation warten, aber der Guide zieht weiter. Bis wir ihn überzeugen können, endlich stehen zu bleiben, sind wir zu weit weg.
Also nehme ich wieder mal das GPS und führe uns zum nächst gelegenen Trail. Weiter geht es also, immer mit offenen Augen und Ohren. Allerdings ist es schwer heute all die Geräusche des Waldes aus dem hohen Summen der Moskitos heraus zu hören. Es ist Regenzeit und es hat in den letzten zwei Wochen fast jeden Tag ordentlich geregnet. Phantastischer Weise bedeutet dies, dass alle Stechmücken nun absolute Hochsaison haben!
Manchmal ist es schwer, nicht die Beherrschung zu verlieren, wenn man ständig etwa dreißig dieser kleinen Plagegeister um den Kopf schwirren hat!
Wir gehen zurück auf den Bamboo Trail, leise und langsam geht es Stück für Stück weiter, Eseciel ist offensichtlich schrecklich gelangweilt. Er erzählt, dass er früher als Gummi-Erntehelfer im Wald arbeitete und erklärt mir die unterschiedlichen Qualitäten, in welche der Saft kategorisiert wird.
Da ein Rascheln in den Bäumen rechts von uns, sind es etwa die Affen? Doch ich höre lautes Rascheln auch auf dem Boden und ich frage mich, ob wir nun doch auf die gefürchteten Queixadas (Weißbart-Pekaris) getroffen sind. Doch dann entdecke ich die Verursacher dieser Geräusche und ich bin entzückt! Coati (Nasenbären; Nasua nasua) sehen uns an, schnüffeln in unsere Richtung und verschwinden viel zu schnell wieder im Gebüsch.
Keine fünf Minuten später höre ich eindeutig die Flügel eines Vogels schlagen und eine merkwürdige für mich bisher unbekannte Vokalisation. Ein Blick in die richtige Richtung reichte um gerade noch rechtzeitig den endemischen „Dark-winged Trumpeter“ (Psophia viridis) sehen zu können. Dies ist ein etwa 50 cm großer Vogel mit einem rundlichen Körperbau und einem langen Hals, sein Gefieder schwärzlich.
Raphaela hat Probleme mit ihrem Knie und wir kommen kaum noch voran. Langsam aber sicher breiten sich Schmerzen in meinem Kopf aus und ich entschließe mich leider zu spät den beiden mein GPS zu überlassen und allein den Weg nach Haus zu gehen. Verrückter weiße glaube ich, dass Rapha mit ihrem Guide das Gerät dringender braucht als ich ohne. An der Lodge treffe ich auf die Klammeraffen-Gruppe. Paola wurde von einer Kriebelmücke in die Hand gestochen und ihr Finger hat bereits den doppelten Umfang angenommen, offensichtlich ist sie allergisch.
Ich nehme Ibuprofen, ein Medikament gegen Migräneanfälle, welches allerdings blutverdünnend wirkt. Man sollte im Falle einer Infektion mit Dengue-Fieber keine blutverdünnenden Mittel, wie etwa Acetylsalicylsäure einnehmen, da es bei einer solchen Erkrankung zu inneren Blutungen kommen kann. Egal, Hauptsache keinen ernsten Migräneanfall! Doch es ist zu spät.
Ich kann und will euch nicht viel davon berichten, aber es ist schrecklich, und nur wer selbst unter solchen Anfällen leidet, weiß, wovon ich spreche. Der Schmerz raubt dir den Verstand und alle Kraft bis zur Besinnungslosigkeit. Zum Glück passiert mir selbst dies nur äußerst selten.
Jedenfalls habe ich die Schmerzen überstanden, jedoch nicht ohne allen hier einen ordentlichen Schrecken einzujagen. Heute, einen Tag später, werde ich von der Köchin umarmt, von der Bardame geküsst und Jorge versucht mich zu überzeugen, mit ihm in die Stadt zu einem Arzt zu fahren. Raphaela liegt im Wohnzimmer mit einem kaputten Knie und Paola fährt mit ihrer beachtlich angeschwollenen Hand ins Krankenhaus. Jorge kann es nicht lassen, sich über unser Invaliden-Dream-Team lustig zu machen, zu Recht! Ich sag’s ja, wennschon, dennschon!
Caro
Ich finde es toll, mit welchem Engagement ihr bei der Sache seid! Wünsche Euch gute Guides, wenig Mücken, kein Kopfweh und viel Erfolg! Herzliche Grüße, Axel
http://4-seasons.de/magazinartikel/kielings-wildschwein-knigge
:-D Have fun guys!