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Heute sind wir auf uns allein gestellt und ich hoffe sehr, dass alles gut gehen wird.Rapha und ich ziehen zusammen los, das GPS mit Ersatzbatterien im Gepäck, mal sehen, ob wir das Gerät brauchen werden. Es dauert keine zehn Minuten und wir treffen auf eine große Gruppe Cuxius, trotz der dunklen Prophezeiung eines leider sehr frustrieten Eseciels, dass Rapha die Sakiaffen nie wieder sehen wird.
Zu unserem Bedauern können wir den Affen natürlich nicht folgen. Für uns geht es weiter zum „Saleiro“ (Wasserloch). Plötzlich hören wir ein ohrenbetäubendes Gebrüll. Mein Herz hat sicherlich einige Schläge ausgesetzt und mein erschrockener Blick und der Griff zu Raphas Arm sprechen für sich. Zu spät fällt mir ein, dass dies nicht das Gebrüll eines Jaguars ist. Der Verursacher dieses Lärms ist ein Brüllaffenmännchen, begleitet und unterstützt von den Weibchen in seiner Gruppe. Noch niemals habe ich dieses Gebrüll aus nächster Nähe vernommen. Es gibt Geschichten über Conquistadores, die panisch aus dem Wald Amazoniens flüchteten als sie das gewaltige Brüllen dieser Affen hörten. Nun, wenn ich nicht kurz nach diesem geistigen Aussetzer wieder zu Verstand gekommen wäre, was hätte ich wohl getan?
Es geht hinein in den Wald, plakatieren, messen und notieren. Dieses Mal jedoch mit System und es ist doch wunderlich, wie viel schneller wir zu zweit arbeiten können, ohne Eseciel. Wir unterbrechen unsere Arbeit nur für das Mittagessen an der Lodge, dann geht es wieder zurück zum Untersuchungsfeld. Wir haben bereits fast zwei Drittel geschafft und es beginnt bereits die blaue Stunde des Abends. Wir horchen immer wieder in den Wald hinein, denn keiner von uns beiden möchte etwa von einer Horde Queixadas überrascht werden.
Da auf einmal ein lautes Summen an meinem Ohr und schneller als ich reagieren kann, merke ich, dass dieses summende Etwas in meinem Ohr steckt. Erst als dieses ominöse Ding ordentlich zubeißt, werde ich unsanft der absolut grotesken Realität gewahr. Ein starker stechender Schmerz zwingt mich tatsächlich kurzerhand in die Knie. Als er aufhört, laufen wir sofort los. Rapha sendet per Funk Meldung an die Lodge, sie sollen Taschenlampe und Pinzette bereit halten.
Ich kann euch gar nicht sagen, wie unangenehm es ist, wenn man tief im Kopf immer wieder ein lautes Summen wahrnimmt und weiß, was da drin sitzt, sticht oder beißt immer mal wieder ordentlich zu.
An der Lodge angekommen habe ich einige Schwierigkeiten, den Leuten klar zu machen, leise zu sein. Bienen reagieren sehr empfindlich auf Lärm, vor allem, wenn sie in meinem Gehörgang stehen, glaube ich zumindest. Rapha holt die Tochter und den Enkelsohn von Vitoria, Renata und Tarik. Beiden bin ich wohl für den Rest meines Lebens zu Dank verpflichtet. Sie haben nicht nur die psychologische Betreuung während der Migräne übernommen, sondern die beiden sind es, welche die Idee haben, die Biene mit Alkohol zu töten.
Oh ich kann euch gar nicht sagen wie erleichtert ich bin. Allerdings, das Bienchen steckt immer noch im Ohr. Ich vermute stark, dass es sich hierbei um eine stachellose Biene handelt. Deren Angriffstaktik besteht, in Ermangelung eines Stachels, darin, in alle erreichbaren Körperöffnungen eines angenommenen Angreifers zu kriechen und zuzubeißen. Nur dort ist die Haut meist empfindlich genug, um den Biss dieser kleinen Tierchen als schmerzhaft zu empfinden. Aber das wusste ich ja schon aus der Theorie von 2010: http://brasilienexkursion.wordpress.com/2010/04/20/abschluss-churrasco-nach-7-wochen-brasilien
Nachdem jeder Mal einen Blick in mein Ohr hinein geworfen hat, um für sich selbst festzustellen, dass man das Bienchen tatsächlich fast nicht sieht, steht der Entschluss fest: Wir müssen in die Stadt fahren, ins Krankenhaus. Ich selbst kann nicht anders, als doch sehr über diese absurde Situation zu lachen.
Schnell springe ich noch unter die Dusche, um mal wieder den Wald von mir abzuwaschen. Ich unternehme einen eher halbherzigen Versuch, die Biene mit dem Duschstrahl aus meinem Ohr heraus zu waschen und hüpfe doch tatsächlich mit geneigtem Kopf auf und ab, nicht ohne mich dabei vor Lachkrämpfen schütteln zu müssen. Vielleicht fällt sie ja heraus? Jedoch es fühlt sich leider nicht so an.
Los geht es den ganzen langen Weg in die Stadt. Es ist spät abends als wir im Behandlungszimmer sitzen und Renata dem Arzt von meinem Bienenproblem berichtet. Schmunzelnd erzählt er, dass er oft eben solche Fälle behandelt. Er wirft also einen Blick in mein Ohr und kann kein Insekt sehen, allerdings ist die komplette Haut darin ordentlich zerbissen worden. Vielleicht ist meine Peinigerin ja doch bei der Dusche herausgefallen?
Renata will sich selbst überzeugen und schaut sich mein Ohr mit dem Otoskop genau an. Damit auch ich weiß, wie es in unserem Hörorgan aussieht, bietet mir der Onkel Doktor an, doch noch in sein Ohr hinein zu schauen.
Um auf Nummer sicher zu gehen, wird mein Ohr trotzdem ausgespült. Ich weiß, die Gefahr besteht, dass ihr mir nun nicht glauben werdet, aber heraus kam eine klitzekleine Ameise. Diese kann aber laut Doktorenmeinung nicht für die Irritation der Haut in meinem Hörgang gesorgt haben, sie ist nicht groß genug, um einen solchen Schaden anzurichten. Verrückterweise bedeutet dies also, dass ich nicht nur ein einziges Insekt in meinem Ohr hatte, sondern gleich zwei, eine Biene und zudem eine Ameise!
Nun stellt euch vor, da sitzen Renata, der Arzt und ich und allen dreien tränen die Augen vor Lachen.
Ich muss euch sagen, ich hatte niemals eine solch kuriose und amüsante Behandlung in einem Krankenhaus.
Caro