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Archive for Februar 2012

Anreise

Nach vierstündiger Fahrt auf der BR 163 von Cuiabá nach Norden wandelte sich unser Luxusliner kurz nach Mitternacht in ein metallisches Häufchen Immobilie und das mitten im Nirgendwo… Ein Getriebeschaden nach noch nicht einmal der Hälfte der Strecke. Wie in Brasilien nicht ungewöhnlich, stand an der Pannenstelle schon ein weiterer Bus, pikanterweise derselben Gesellschaft, dann kam ein weiterer für unseren Weitertransport. Rainers Planung hielt für uns danach noch ein weiteres Schmankerl in Form eines 40-Tonners bereit, der zu nächtlichen Unzeit von einer nach einem Hochwasser reparierten Brücke geschoben werden wollte. So war denn auch für unser physisches Workout gesorgt.
Nach 1½ Tagen Konservendosenreise kamen wir müffelig und hungrig in Alta Floresta an. Dort (immer noch nicht am Ziel unserer Reise) gab es für uns ein opulentes Frühstück und neuen Zuwachs der Gruppe – Caro, die begleitend zu ihrem Praktikum in der Rio Cirtsalino Jungle Lodge bisher den Blog schrieb. Die Weiterreise wurde durch deutliche Abstufung von Reisebus zu Altbewährtem (siehe erstes Bild) – mit Lenkrad, sechs Rädern und orthopädisch korrekten Stahlsitzen – begleitet. Wie ein geölter Blitz glitten wir zu unserem nächsten Zwischenstopp, zu einer Farm mit stachellosen Bienen nahe Alta Floresta.

Farmbesuch

Das Gesamtkonzept des landwirtschaftlichen Betriebs von Ércio Luedke liegt in der nachhaltigen Bewirtschaftung und den cleveren Problemlösungen. Begonnen hat der Besitzer mit einer Obstplantage, die er durch stachellose Bienen (da in Stadtnähe keine stacheltragende Bienen, also afrikanisierte Honigbienen, erlaubt sind) bestäuben lässt. Blattschneiderameisen gefährdeten (durch ihre Gefräßigkeit) die Obstbäume, sodass er handeln musste und anstatt Gift zu sprühen auf eine naturschonende Methode zurückgriff und mit der Fischzucht begann, um die Ameisenbrut an die Fische zu verfüttern.
Mittlerweile ist die Fischzucht seine Haupteinnahmequelle und die Bienenzucht ist ein Vorzeigeprojekt, das staatlich gefördert wird.

Meliponicultura Alta Floresta Ércio Luedke

Meliponicultura Alta Floresta Ércio Luedke


Honigverkostung an einem geöffneten Nest

Tag 1 auf der Rio Cristalino Jungle Lodge (RCJL)

Ohne weitere wirklich ernst zu nehmende Schwierigkeiten erreichen wir die Anlegestelle der Boote, die uns über den Rio Teles Pires den Rio Cristalino hinauf fahren werden. Winkend werden wir nicht nur vom Personal, sondern auch von den Myriaden von Gnitzen und Moskitos auf der Rio Cristalino Jungle Lodge (Caros Heimat der letzten 2 Monate – siehe vorherige Blogeinträge) willkommen geheißen. Angekommen, Rucksack abgestreift, in die Badehose und ab in den Rio Cristalino zu den Piranhas, Kaimanen, Riesenottern und zum restlichen Getier. Und dann geht es los: Was wir alles in kurzer Zeit zu sehen bekommen: Aras, 4 Arten, Tukane, Aracaris, Affen, Vogelspinnen, Hundkopfboa, Boa constrictor, alles in wenigen Stunden. Das nenne ich mal zoologische Exkursion.

Tag 2 RCJL

Caro ist nach den Wochen hier zu einer unserer offiziellen Guides geworden und kann ihr umfangreiches Wissen an uns weiter geben. 6:30 am Morgen geht es los zu den beiden Beobachtungstürmen. Eiserne 50 Meter hohe schwankende Konstruktionen, die uns über das Kronendach des Regenwaldes heben. Mit Ferngläsern und Spektiv rücken wir der hiesigen fliegenden Fauna auf die Pelle. Unglaublich, was wir von hier oben alles sehen. Die buntesten Tangare, Papageienschwärme, stachellose Bienen, die unseren Schweiß aufsaugen. Und alles bunt und farbig.


Mit Reis und Bohnen und jeder Menge anderer Leckereien im Magen brechen wir nach dem Mittagessen zu unserem ersten Trail auf. Diesmal stand die Flora und deren Heilwirkungen auf dem Plan. Uns wurden Pflanzen gezeigt, die z. B. gegen Durchfall, Nierenkoliken und lokalen Schmerzen helfen. Auch ein Gewächs, das antibiotisch wirkt, war darunter.
Ziel der Wanderung war der riesige Paranussbaum, dessen Umfang etwa 14 Armspannen von 7 Personen beträgt. Die Früchte des Paranussbaums sind bei vielen Tieren sehr begehrt. Jedoch muss zuerst die harte Schale geknackt werden. Das Agouti zum Beispiel rollt die runde Nuss durch den Wald, bis diese an einer geeigneten Stelle verhakt. Zwei Tage lang nagt das Tier nun ausdauernd an der Nuss, bis es an das nahrhafte Innere mit den eigentlichen Paranüssen gelangt. Oft werden die Agoutis von den schon auf die Beute lauernden Kapuzineräffchen um die mühevoll geöffnete Paranuss beraubt.

Wir nehmen uns reichlich Zeit, die Makro- und Teleobjektive zu benutzen.

Fototermin Boa constrictor

Fototermin Boa constrictor

Die Amphibien sind zuweilen größer als zu Hause!

Bufo guttatus

Bufo guttatus (vorne)

Tag 3 und 4 RCJL
Mit eindrucksvollen Sonnenaufgängen starteten wir in die nächsten Tage, Abmarsch um 06:30. Wann steht ihr eigentlich in Tübingen auf, um zur Uni zu gehen? In dieser Zeit entdeckten wir eine Vielzahl von Tieren: Säuger, Insekten und Amphibien.



Interessant war die Bestätigung der schon von Caro gemachten Beobachtung (siehe weiter unten in diesem Blog) eines Weißgesichts-Spinnenaffen (besser: Klammeraffen), der von einem Baum herab Wasserhyazinthen aus dem Rio Cristalino fischte und sie fraß.

Atheles und Eichhornia

Atheles und Eichhornia

Bei einer weiteren Bootsfahrt flog vor uns eine Sonnenralle (Eurypyga helias, Eurypygidae) auf, so dass wir für Sekundenbruchteile das auffällige Flügelmuster zwar sehen, aber leider nicht präsentabel fotografieren konnten.

Eurypyga helias

Eurypyga helias

An einem Abend hielt uns noch der mit Rainer befreundete und aus der Gegend von Cuiabá stammende Biologe und in mehreren Naturschutzgebieten Brasiliens als Guide tätige Fabiano Oliveira einen Vortrag über Jaguare des Pantanals.

Fabiano

Fabiano bei seinem Jaguar-Vortrag

Tag 5 RCJL

Auf der morgendlichen Wanderung durch den Regenwald, bekommen wir auch nach ein paar Tagen am Rio Cristalino neue Arten der Flora und Fauna zu Gesicht. Es wird uns von den Guides von einer Kuriosität berichtet, und zwar von Bäumen (Fabaceae?), die mittels ihrer  Klettfrüchte das Gefieder der Vögel verkleben, welche dann flugunfähig abstürzen und als Nährstoffe direkt von den Bäumen aufgenommen werden.

Ein Auszug aus einem Tagebuch: „Oh ich hatte schon so eine Vorahnung. Ich bin nass bis auf die Knochen. Aber erst einmal von vorne. Heute auf unserem morgendlichen Trail sind wir in einen stürmischen Wolkenbruch gekommen. Über uns ächzte und krächzte der Wald und wir rannten wie von der Tarantel gestochen zurück zum Boot. Mein Gott, hatte ich Schiss. Aber zum Glück war die Hose eh schon nass. Im Nu ist Schimmelalarm angesagt und haushalten mit der Kleider-Zweitgarnitur. Vermerk: 1. Zu wenig Unterbuxen und Socken dabei. 2. Triefend nasse und nach Schweiß stinkende Klamotten in einem Raum ist gleich Pumakäfig!“

Am letzten Abend nahm sich Vitória da Riva Carvalho Zeit, uns über die Rio Cristalino Stiftung und die Rio Cristalino Jungle Lodge im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Ökoturismus und Abholzung des Amazonas-Regenwaldes zu berichten.

Vortrag Vitória da Riva Carvalho

Vortrag von Vitória da Riva Carvalho

Tag 6 RCJL

Am Tag unserer Abreise war eigentlich noch ein kleiner Trail hinter die Lodge geplant. Dabei sollten noch diverse Säugetiere aufgestöbert werden. Doch es regnete am Morgen so stark, dass sich nur eine kleine Gruppe von Mutigen und Trockener-Zweitgarnitur-BesitzerInnen auf den Weg machten.
Das letzte üppige Mahl und schon begann die Verabschiedungstour, die durch nicht enden wollende Gruppenphotos gekennzeichnet war.
Resümee dieser Tage: Wow – bähm!
Tief beeindruckt ziehen wir weiter zu unserer nächsten Etappe unser Exkursion. Pantanal wir kommen!!! Doch bevor wir wieder in den Bus steigen, sehen wir nahe des Floresta Amazonica Hotels noch die Harpyie am Nest mit Jungtier, die nach 2006 und 2009 wiederum erfolgreich gebrütet hatte. Wer kann von sich schon behaupten so etwas gesehen zu haben?

Weiterreise ins Pantanal

Heute machen wir uns auf den Weg ins Pantanal. Bis zu 30 Stunden Busfahrt stehen nun vor uns bis Campo Grande, dann nochmal 380 km, Teerstrasse und Sandpiste. Gut um mal wieder zu schlafen und runter zu kommen. Dort werden wir die nächsten 10 Tage kein Internet und deshalb auch kein Möglichkeit zur Berichterstattung haben.

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Zoo in Cuiabá

Im Zoo von Cuiabá fanden wir die einheimische Fauna vor, die wir in nächster Zeit in freier Wildbahn zu sehen gedenken. Aber auch Bekannte aus aller Welt. Wir trafen auf Dr. Márcia Goettert und ihren Mann Robert. Márcia hatte bei Prof. Laufer in der Pharmazie in Tübingen letztes Jahr promoviert. Dazu kam noch Dr. Carlos Dullius und seine Frau Anja. Carlos hatte an der Uni Konstanz seinen Doktor gemacht. Beide, Márcia und Carlos, waren über das Brasilien-Zentrum der Uni Tübingen vermittelt worden. Knapp verfehlt hatten wir Prof. Dr. Karl Schuchmann, Museum Alexander König, Bonn, seine brasilianische wissenschaftliche Partnerin Marinez Marquez, Joachim-Adis-Preisträgerin, und Prof. Dr. Karl Wantzen, Uni Konstanz. Die Exkursion hatte mit ihm 2001 bei Cuiabá zusammengearbeitet.

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Nur 55 Stunden in Zug, Bus, Flugzeug und Boot und schon waren wir an unserem ersten Ziel der Rio Cristalino Jungle Lodge.

Bus schieben

Radtke, noch frisch gewaschen (links), Jeep dagegen nicht mehr (rechts)

Radtke, noch frisch gewaschen (links), Jeep dagegen nicht mehr (rechts)

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Mit diesem letzten Eintrag möchte ich mich wohl vorerst verabschieden. Ich danke euch sehr für das fleißige Lesen und für all eure Kommentare. Ab jetzt übernehmen meine Komilitonen von der Brasilienexkursion 2012.

Cheers,

Caro

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Vor etwa drei Wochen habe ich im Wald am „Brazil Nut Trail“, zusammen mit Sebastião einen Schädel gefunden, allerdings leider ohne Unterkiefer. Ich habe den Schädel mit allen nötigen Hygienemaßnamen gesäubert.

Ich habe ihn für längere Zeit in Alkohol aufbewahrt und anschließend in unseren Trockenschrank, hier an der Lodge, gepackt. Eigentlich wurde diese für Projektoren und Ferngläser gebaut.

Natürlich stellt sich bei solch einem Fund sofort die Frage, zu welcher Spezies dieser Schädel wohl einzuordnen ist. Als Biologe arbeitet man systematisch Bestimmungsmerkmale im Kopf durch, um so letztendlich an das eigentliche Ziel zu gelangen, die Bestimmung der Art. Genau diesen Prozess möchte ich euch nun anhand dieses Schädels vorführen.

Bestimmung der Art anhand des Schädels

  • Schädel weist drei verschiedene Zahntypen auf,
    Schneidezähne (2), Eckzähne (1), Prämolare (3), Molare (3)
  • Die Augenhöhlen sind eindeutig rostral gerichtet (nach vorn)
  • Die Hirnkapsel ist verhältnismäßig groß
  • Die Orbita ist mit einem Orbitaring oder Orbitatrichter (Augenhöhlung) was?? versehen??
  • Rostrale Verkürzung (Schnauze ist relativ flach)

=>  Es handelt sich hierbei folglich um den Schädel eines Primaten

Typisch für die Platyrrhini weist der Schädel folgende Merkmale auf:

  • Zygomatikum hat Kontakt mit dem Parietale
  • 3 Prämolare (Catarrhini, dort sind auch wir vertreten, haben nur 2 Prämolare)
  • Kein knöcherner Gehörgang wie bei Catarrhini

Ich weiß also nun, es handelt sich um den Schädel eines Neuweltaffen (natürlich kann man sich das allein schon aufgrund des Fundortes denken…)

Es gibt hier sieben verschiedene Affenarten:

  • Weißwangenklammeraffe (Ateles marginatus)
  • Weißnasensaki (Chiropotes albinasus)
  • Rothandbrüllaffe (Allouatta belzebul)
  • Brown Capuchin (Cebus apella)
  • Dusky Titi Monkey (Callicebus moloch)
  • Night Monkey (Aotus nigriceps)  ist das nicht azarae??
  • Snethlege’s Marmosette (Mico emiliae)

Die drei letztgenannten kann ich allein auf Grund ihrer geringen Masse (unter einem Kilo) ausschließen). Des Weiteren haben Nachtaffen weitausgrößere Augenhölen, als das hier vorliegende Exemplar.

Brüllaffen (Alouatta sp.) weisen eine kleinere nach dorsal (oben) gezogene Schädelkapsel auf. Der Jochbogen (Acrus Zygomaticus) zieht ebenfalls stark nach dorsal. Insgesamt ist das Erscheinungsbild sehr massiv und nicht so zierlich wie in diesem Schädel hier. Auch wenn, interessanterweise auf beiden Seiten des Schädels der Jochbogen zerbrach und nun fehlt, kann man dennoch die Wuchsrichtung erkennen.

Im Rennen sind folglich noch der Klammer-, der Saki- und der Kapuzineraffe. Sakiaffen haben eine sehr kompakte Schädelstruktur. Der Hirnschädel ist rund und nicht nach hinten ausgezogen, wie bei unserem Exemplar. Die Rostralregion ist kürzer und die Canini sind sehr prominent, mehr als bei unserem Fundstück. Somit kann ich ausschließen, dass es sich hierbei um den Schädel eines Sakiaffen handelt.

Nun muss ich mich letztendlich zwischen dem Klammer- und dem Kapuzineraffen entscheiden. Kapuzineraffen weisen eine beinahe rechteckige Oberkieferform auf und die Rostralregion ist eindeutig kürzer als in unserem Exemplar. Zudem sind die Canini wiederum weniger dominant.

Es handelt sich hier also um den Schädel eines Klammeraffen, ein Primat mit einer relativ langen Rostralregion, stark nach außen abgewinkelten Schneidezähnen und einem vergleichsweiße kleinen Eckzahn.

Zur Todesursache kann ich euch nur wenig erzählen. Generell gilt, dass diese Tiere nur wenig Feinde haben. Sie sind zu schnell für die Harpie und zu schwer für andere Greifvögel. Jaguare und andere Raubkatzen können diesen flinken Klettertieren ebenfalls nichts anhaben.

Das Tier war sicherlich adult, die Zähne weisen bereits Abnutzungen auf und sämtliche Schädelsuturen (Nahten) sind bereits geschlossen. Mögliche Todesursachen sind folglich eine infektiöse Erkrankung, eine genetisch bedingte Erkrankung, Altersschwäche oder aber Abstürzen aus den Ästen.

Dies klingt natürlich im ersten Moment etwas abwegig, aber ich selbst habe zwei Mal beobachtet wie ein Affe aus großer Höhe aus dem Geäst der Bäume hinab fiel. Glücklicherweise landete dieser in beiden Fällen im Wasser des Rio Cristalino.

Caro

BildBildBild

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Der Pegel des Rio Cristalino ist, selbst für die Regenzeit, sehr hoch. Etwa
30 bis 40 km stromaufwärts findet man zur Zeit eine Lagunenlandschaft. Die
Vegetation ist dort niedriger als hier nahe der Lodge und in den Gewässern wachsen unter anderem Wasserhyazinthen, Wassersalat und Seerosen.
Wenn der Pegel so hoch ist wie momentan, spült der Fluss in die Lagunen und
mit dem Strom kommen manche dieser Wasserpflanzen mit flussabwärts. Die
Wasserhyazinthen (Eichhornia crassipes und E. azurea) aggregieren an
Flusshindernissen wie z.B. umgestürzten oder tief hängenden Bäumen.

Die Spinnenaffen kommen nun ganz hinab zum Flussufer und angeln sich die Hyazinthen aus dem Wasser. Gefressen wird der Stiel der Blätter. Diesscheint zu dieser Jahreszeit ein Hauptbestandteil der Nahrung zu sein, dennich kann diese Kletterkünstler im Wald nicht mehr finden. Fährt man allerdings mit dem Boot den Fluss hinauf oder auch hinab, muss man dochfast blind sein, wenn man sie nicht sehen sollte.

CaroBild

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