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Archive for Juni 2011

Nach den vier ereignisreichen und spannenden Exkursionswochen ging es für mich von Alta Floresta direkt in ein neues Abenteuer im Großstadtdschungel Sao Paulos. Dort hatte ich die Chance drei Wochen lang an verschiedenen Sozialprojekten mitzuarbeiten. Ermöglicht wurde mir diese Erfahrung durch die deutsche Organisation EduCare, die mehrere Projekte in Sao Paulo durch Spenden unterstützt.

Die deutschen Freiwilligen, die immer wieder über Educare nach Brasilien gehen, finden meistens im Haus der Missao SAL  Unterkunft. Dies ist ein von einer christlichen Gemeinde initiiertes soziales Wohnprojekt, in dem männliche Drogenabhängige und Ex-Prostituierte Unterschlupf finden und zurück in ein geregeltes Leben geführt werden sollen. Neben kleineren Aufgaben im Haus helfen die Freiwilligen aber hauptsächlich außerhalb des Wohnprojekts in anderen sozialen Projekten der Gemeinde bzw. von Educare. Die drei Wochen waren wahnsinnig aufregend und ich habe viel erlebt. Leider kann ich hier nur einen kurzen Einblick in meine Erfahrungen geben und möchte mich daher auf die für mich persönlich wichtigsten sozialen Projekte, in denen ich mitwirken konnte, beschränken.

Die Mission SAL engagiert sich, neben dem eigentlichen Wohnprojekt und anderen sozialen Projekten, unter anderem in einer Favela in der Nachbarschaft. Zwei bis drei Mal pro Woche bin ich zusammen mit den Missionaren und anderen Freiwilligen in die Favela gefahren, um mich dort um die Kinder zu kümmern. Vor Ort war ich jedes Mal von Neuem über die Situation geschockt: schlechte Straßen, überall Müll, längst nicht jeder Haushalt hat fließendes Wasser, absolut baufällige Häuser…. Doch trotz der schlechten Lebensbedingungen sind die Kinder unglaublich fröhlich und begeisterungsfähig. Sie freuen sich wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Normalerweise wurde immer zuerst  etwa eine Stunde „Schule“ gemacht, d.h. es wurde Schreiben, Lesen und Rechnen geübt. Dies hat sich als absolut notwendig herausgestellt: Manche der Kinder gehen zwar schon seit ein paar Jahren regelmäßig in die Schule, beherrschen aber trotzdem noch nicht die Grundkenntnisse, wie beispielsweise das Einmaleins. Die öffentlichen Schulen in Brasilien sind katastrophal: völlig überfüllte Schulklassen, keinerlei Disziplin und völlig unterbezahlte, überforderte Lehrkräfte.  Den Kindern in der Favela hat der Unterricht total viel Spaß gemacht, weil sich endlich jemand für sie Zeit genommen hat. Nach getaner Arbeit wurde dann ausgelassen auf der Straße gespielt und mit den Jüngeren auch oft einfach nur gekuschelt. Das Gehen fiel jedoch jedes Mal wahnsinnig schwer, weil man ja an der eigentlichen Situation durch die Arbeit nichts geändert hat…es tat weh die traurigen Gesichter zu verlassen…doch was kann man mehr machen? Wie kann man die Situation speziell in den Favelas von Grund auf ändern?

Die Mitarbeiter von IBTE, was für Instituto Brasileiro de Transformacao pela Educacao steht, denken die Antwort darauf gefunden zu haben: Das öffentliche Bildungssystem in Brasilien muss grundlegend verbessert werden, damit jedes Kind eine Chance auf eine bessere Zukunft hat! IBTE wurde bislang ausschließlich durch Spenden aus Deutschland (Educare) finanziert, seit Kurzem ist es jedoch auch in Brasilien eine anerkannte Organisation und kann nun auch vom Staat Unterstützung erhalten. Die Arbeit des Institutes ist wirklich beeindruckend. Jedes Schuljahr wird 30 Schülern aus öffentlichen Schulen in Sao Paulo ermöglicht zusätzlich zum Schulunterricht kostenlosen Unterricht in Fächern wie Mathematik, Portugiesisch, Englisch, Geschichte, Politik, Informatik u.a. zu bekommen. Dabei handelt es sich um sehr guten Unterricht in kleineren Gruppen, der von Studenten durchgeführt wird. Ich durfte dort an drei Tagen in der Woche Englisch unterrichten, was mir sehr viel Spaß gemacht hat. Zwar haben die Schüler sehr wenige bis keine Vorkenntnisse (das IBTE Schuljahr hat gerade erst angefangen), sie sind aber mit Freude dabei und geben sich große Mühe. Sie wissen es wirklich zu schätzen, dass sie diese Chance bekommen und sehen Bildung als ein Geschenk an. Vielleicht sollte sich manch ein Schüler in Deutschland eine Scheibe von ihnen abschneiden…

Während der drei Wochen in Sao Paulo habe ich sehr viel erlebt. Manche Erlebnisse haben mich sehr fröhlich und andere sehr traurig gestimmt. Die Arbeit die von den Freiwilligen vor Ort geleistet wird, ist absolut unglaublich und sehr wichtig für die weitere Entwicklung Brasiliens. Ich möchte auf jeden Fall wieder dorthin gehen und mithelfen! Insgesamt kann ich nun nach meiner Rückkehr nur immer wieder staunen in welchem Luxus wir hier in Europa leben und wie gut es uns geht…und das ist uns teilweise leider gar nicht so bewusst. Unsere Lebensumstände, sowie die Möglichkeit an einer guten Uni zu studieren als auch die Aussicht auf einen guten Job ist wirklich ein Geschenk, das man schätzen sollte!!! Denkt einfach mal ein bisschen darüber nach…

Lisa Graf (LG)

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Nach einer Woche der Trennung kam es am Montag, dem 21.03.11 am Flughafen von Porto Alegre, der Hauptstadt von Brasiliens südlichstem Bundesstaat Rio Grande do Sul, zur großen Wiedervereinigung. Nachdem sich die ersten Freudenausbrüche über das Wiedersehen gelegt hatten, ging es sofort weiter. Das Ziel: Pró-Mata, eine brasilianisch-deutsche Forschungsstation, die in einem rund 5.000 ha großen Schutzgebiet in der Serra Geral, einem Küstengebirge nördlich von Porto Alegre liegt. Eine vierstündige Fahrt führte uns über holprige Schotterpisten, durch die weiten Campos (Grasländer) und die dunkel feuchten Araukarienwälder des Hochplateaus, wo wir gegen Abend den roten Backsteinbau der Station erreichten, unser Zuhause für die nächsten zwei Wochen.

Die Forschungsstation

Foto: PU

Nach einer schnellen Erkundung der nächsten Umgebung und der Unterbringung (Zehnbettzimmer, aber heiße Duschen, was will man mehr?!) drehte sich in den folgenden 4 Tagen noch einmal alles um Flechten & Co., bevor sich am folgenden Wochenende mit einem Personalwechsel auch der Themenwechsel vollzog. Die botanischen Fachkräfte zogen ab, die geoökologischen ein. Und als ob das noch nicht genug Aufregung wäre, stand auch noch hoher Besuch an: geladen waren der Südamerika Korrespondent der TAZ, Gerhard Dilger, nebst Familie, sowie der brasilianische Glasmaler und Künstler Raul Cassou mit seiner Frau Maria-Elisa.

Für Cassou, dessen Lieblingsobjekte Vögel sind, die er nach eingehenden Studien, mit Acrylfarbe auf Holz verewigt, war dies schon der zweite Besuch auf Pró-Mata. Im Gepäck hatte er einige Werke, von deren Detailtreue und Realismus im letzten Winter schon die Besucher der Hans Staden-Ausstellung im Tübinger Schloss begeistert waren. Die bunten Gemälde des Künstlers dienten damals als Illustration eines von Hans Staden verfassten Brasilienreiseberichtes. Mitte des 16. Jahrhunderts verschlug es den Deutschen Staden als Landsknecht für die portugiesische Krone nach Brasilien, wo er versehentlich in die Gefangenschaft von Kannibalen gelangte. Durch glückliche Umstände schaffte er es jedoch an dem für ihn vorgesehenen Kochtopf vorbei und zurück nach Deutschland, wo er den ersten deutschsprachigen Bericht über Land und Leute, sowie die Tier- und Pflanzenwelt des alten Brasiliens ablieferte. Die Kollaboration zwischen Staden-Ausstellung und Cassou war natürlich durch RR organisiert worden. Er teilt Cassous Leidenschaft für die Vogelbeobachtung und hatte den Künstler aus Porto Alegre schon 2009 in Brasilien kennen gelernt.

Mitten im Araukarienwald

Foto: PU

Die Ausstellung war ein voller Erfolg, für deren feierlicher Eröffnung Cassou und seine Frau extra anreisten (vgl. http://www.uni-tuebingen.de/brasilien-zentrum/Aktuell/Presse/Presse-Brasil-neu-2.pdf). Im Gespräch erzählte Cassou, wie angetan er gewesen ist.„Die Art der Präsentation, die Wertschätzung meiner Bilder und der gesamte Rahmen haben mich mit Stolz erfüllt“, so Cassou, „durch die Ausstellung wurden meine Bilder zum Gemeinschaftseigentum, zu einem Teil der Menschheit.“. Damit hat sich wohl auch der Aufwand der Ein-und Ausfuhr Arrangements gelohnt, die laut RR die aufwendigste waren, um die er sich je gekümmert hat:„ Champions League ist nichts dagegen!“.

Auf die Ausstellungseröffnung folgte ein kurzer Trip an den Federsee, zum Vögel beobachten. Cassou malt nur Vögel, die er selbst beobachte, fotografiert und bestimmt hat. Er muss die Vögel „kennen“, wie er sagt. Doch damit nicht genug, denn bevor er einen Vogel in Farbe bannen kann, muss erst einmal die geeignete Unterlage gefunden werden. Cassou malt eben nicht auf Papier, sondern auf Holz, genauer: auf Treibholz, das er auf seinen Strandspaziergängen entlang der Atlantikküste von Brasilien sammelt. Aber nicht jedes Holz passt zu jedem Vogel, eine passende Paarung muss erst ausfindig gemacht werden, sonst setzt der zierliche Mann mit den wilden Haaren und der Hornbrille keinen einzigen Strich.

Bei jedem Wetter aktiv. Bodenprobennahme bei schwerem Nebel (flüssiger Sonne)

Foto: PU

Der Aufwand lohnt sich, wir Studenten waren von den Gemälden des Künstlers mindestens so begeistert, wie dieser von den Holzstegen und Moorwegen am Federsee, die ihm besonders in Erinnerung geblieben sind.

Führung durch den Araukarienwald

Foto: PU

Leider war der diesjährige Aufenthalt der Cassous auf Pró-Mata, ebenso wie unsere gesamte Woche, von Nebel und Regenstürmen geprägt. Mit der Vogelbeobachtung hält es sich da in Grenzen und auch botanisieren macht im Regen nur mäßig Spaß. Der Besuch war deshalb eine willkommene Abwechslung und nicht nur Cassou, sondern auch Dilger von der TAZ wurden interessiert ausgefragt (TAZ Blog über Pró-Mata: Link). Am Sonntag verabschiedeten sich die Gäste wieder und die Station kehrte zum Exkursionsalltag zurück. Im sich langsam bessernden Wetter verbringen wir unsere Tage nun mit geographisch/geologischer Theorie und Praxis, später mit Zoologie. Doch davon bald mehr!

SW

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