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Archive for Januar 2013

Mit dem Beginn der Regenzeit im November ändern sich auch Teile der  Flora und Fauna im Regenwald. Verschiedene Tiere und Pflanzen machen sich rar und im Gegenzug präsentieren sich andere nun auch dem sonst
unaufmerksamen Auge. Nun bin ich im Regenwald in der Rio Cristalino Jungle Lodge. Mein Name ist Jan Woyzichovski, und ich mache hier ein Praktikum. Das besondere an der ganzen Geschichte ist letztendlich der Ort: Mitten im Regenwald Amazoniens, unweit von Alta Floresta, nördliches Mato Grosso, Brasilien. Hier erhebe ich für die Cristalino Foundation Daten über verschiedene Leuchtkäferarten (Lampyridae). Ziel ist es, die Ökologie und Lebensweise der hiesigen Leuchtkäfer so für die Stiftung aufzuarbeiten, dass sie hier am Rio Cristalino interessierten WissenschaftlerInnen und ÖkotouristInnen zu präsentieren sind.

An dieser Stelle will ich auf die Berichte und Erfahrungen meiner beiden VorgängerInnen verweisen, Caroline Schneider und Martin Schlenhardt, die mir während der Vorbereitung mit Rat und Tat zur Seite standen. Das ganze Praktikumsprogramm jedoch wird allein von zwei Personen getragen: von Dr. Rainer Radtke, Baden-Württembergisches Brasilien-Zentrum an der Universität Tübingen, und der Grundbesitzerin des Schutzgebiets Rio Cristalino, Vitoria da Riva.  Das  Schutzgebiet umfasst etwa 12.000 ha Regenwald und stellt sich bisher der Abholzungsfront erfolgreich entgegen. Innerhalb des Gebietes fließt der schwarze Rio Cristalino, der seinem Namen trotzt und eher trüb dunkel erscheint, was auf verrottende Laubblätter und die freigesetzten Huminsäuren zurückzuführen ist. Wie in nahezu jeden Regenwald findet man dort eine hohe Anzahl an Tieren, Pflanzen und Pilzen, was mich schon immer
fasziniert hat und stillschweigend beneidete ich die Personen, die dort leben, ich gönne es ihnen.

Aus diesem Grund nahm ich vor fast einem Jahr an der Exkursion nach Brasilien teil und „verguckte“ mich in das Land. Hauptsächlich natürlich in die Natur, aber auch in das Essen. So schön die Exkursion auch war, so kurz waren die vier Wochen doch. Und ich erhielt viele Einblicke, die ich gern vertiefen wollte. Zurück in Tübingen fand ich mich wieder in meinem kleinen Zimmer und kämpfte mit den alltäglichen Problemen eines Studenten. Bei Seminarvorträgen am Federsee und in Tübingen präsentierten die TeilnehmerInnen ihre persönlichen Highlights. Am Federsee fragte mich Rainer dann, ob ich denn keine Lust hätte für zwei bis drei Monate in der brasilianischen Botanik zu leben. Und so wache ich jetzt seit dem 30.12. jeden Morgen schweißgebadet auf und grüße jeden, der mich erblickt mit „Bom dia!“ und schlendere zum nächst besten Kaffeebecher.

Die ersten Insekten habe ich bereits vor mir, manche die zu meinem Arbeitsthema gehören, andere, die ebenfalls meine Neugier weckten. Was ist denn mein Arbeitsthema? Ich stelle mir vor, eine allgemeine Bestandsaufnahme der hiesigen Leuchtkäfer durchzuführen. Weltweit sind heute rund 2.000 Arten von Leuchtkäfern, Familie Lampyridae, bekannt. In Deutschland kennt man lediglich drei Arten, davon ist wohl der große Johanniskäfer oder Lampyris noctiluca der bekannteste. Allgemein zeichnen sie sich durch ihr faszinierendes Leuchtvermögen aus. Interessant ist dabei, dass sämtliche Entwicklungsstadien des Insekts leuchten können, selbst die Eier, wenn auch nur kaum wahrnehmbar. Das Phänomen ist, grob gesagt, eine Reaktion zwischen zwei Substanzen: Luciferin und Luciferase. Beide Stoffe sind sowohl art- als auch taxonspezifisch, wirken jedoch immer wieder nach den gleichen Prinzipien. Luciferin ist Träger der Energie, die benötigt wird, um letztendlich Licht zu erzeugen. Unter Verwendung von Sauerstoff und Anwesenheit von Calciumionen oxidiert Luciferin zu sogenannten Dioxetanen. Dieser Vorgang braucht jedoch einen Katalysator, der die Reaktion kontrolliert und abstimmt, die Luciferase. Die Dioxetane, die Endprodukte dieser Reaktion zerfallen und geben neben Kohlendioxid auch Energie ab – dies in Form von Licht. Unterschiedliche Farben des Lichtes werden durch unterschiedliche Luciferasetypen erzeugt, die andere Dioxetane erzeugen und somit bei Zerfall leicht anders gespeicherte Energie und somit andersfarbiges Licht freigeben. Aber meine Aufgabe besteht nicht nur darin, die Insekten zu suchen, zu finden, zu identifizieren und zu präparieren, sondern auch darin, sie und ihr Leuchtverhalten zu beschreiben und zu illustrieren.

Es ist nun der 15.1.2013 und der vierte Tag in Folge, dass es durchgehend regnet. Nun ahne ich, warum die Regenzeit so heißt, wie sie heißt. Interessant ist, wie der Regen sich über den Tag verteilt. Anfangs gab es einmal am Tag, meist gegen Mittag, einen kurzen Schauer, der ein bis zwei Stunden anhielt. Nun aber, seit es 24 Stunden durchregnet, merke ich, dass dieses Phänomen weiterhin präsent ist. Und so regnet es zuerst „Bindfäden“, dann aber wie aus „Eimern“. Im Camp wird  nichts mehr trocken und ich habe Angst um meinen Gürtel. Was zuvor glänzendes, braunes Leder war, ist nun von einem weiss-grünen Flaum überzogen. Kaum abgewischt, ist er wieder da, der Flaum.

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Mein Arbeitsgebiet: der Rio Cristalino

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Vieles lebt im Verborgenen: links ein Mittlerer Ameisenbär, rechts das Ziel meiner Untersuchungen, ein Leuchtkäfer.

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